Mein Weg zum Anti-Rassismus

Anti-Rassismus Teil 1

Anti-Rassismus (Teil Eins)

Und wie bin ich dann nicht rassistisch? – Gar nicht.

Ein kleines Dorf im Oberpfälzer Seenland: Für Kids wie mich, die in den 90ern aufwuchsen, bedeutet das viel Natur und wenig Kultur. Wer nicht zur Feuerwehr oder zum Burschenverein wollte, der ging zur Jugendgruppe “Die Falken”.

Den Falken verdanke ich extremst viel. Hier lernte ich, dass alle Menschen in ihrer Vielfalt gleichwertig sind, dass Schneeballschlachten Spaß machen und dass Jägermeister nichts für mich ist. Also unter anderem, versteht sich^^

Bei den Falken traf ich auch erstmals Personen, die eine andere Hautfarbe hatten als ich. Da war zum Beispiel Larry, den einer der anderen Falken mal fragte, warum er denn schwarz sei. Darauf Larry: “Weil ich als Kind zu viel Nutella gegessen habe.” Kurze Zeit später, so die Erzählung meiner Schwester, hat sich Larry dann mit einem Glas Nutella ins Helferzimmer gesetzt. “Farbe auffüllen”, meinte er.

Neben Larry gab’s noch… Hm.

Erst mal niemanden mehr. Jedenfalls nicht in meinem Umfeld. Vermutlich war ich bereits damals in einer ‘weißen Blase’, erst im Dorf, dann am Gymnasium, wo wir genau einen türkisch-deutschen Mitschüler in der Jahrgangsstufe hatten.

Damals war Rassismus in meinen Augen ein Problem der Rechten, der Neo-Nazis. Von Alltagsrassismus oder systemischer Unterdrückung hatte ich noch nie etwas gehört. In der Theatergruppe half ich ohne mit der Wimper zu zucken eine Mitschülerin (mit japanisch-russischem Hintergrund) schwarz anzumalen, damit sie einen Monolog über Flucht aus Afrika performen konnte. Geschrieben von einer schwarzen Autorin, versteht sich. Der Lehrer postulierte sich als hochintellektuell – hatte aber wohl keine Ahnung wie rassistisch “Blackface” eigentlich ist.

Diese Erinnerungen bereiten mir erst im Nachhinein Bauchschmerzen. Ändern kann ich es nicht mehr, doch im Hier und Jetzt kann ich handeln.

Aber halt – ich überspringe gerade einiges. Lasst mich kurz zurückspulen.

 

Das Seminar, das mein Leben veränderte

Dass ich zum Studium weg wollte aus Bayern, war mir lange vor dem Abi klar. 2012 wagte ich endlich den Sprung. Vom Kaff ging es in die Großstadt, nach Berlin, an die Freie Universität. Studienfächer: Filmwissenschaft und SKA, also Sozial- und Kultur-Anthropologie. Letzteres war eigentlich nicht der Fokus; es klang lediglich nach einer guten Ergänzung für mich als anstrebende*r Autor*in, um meinen Horizont zu erweitern.

Wie das Leben aber so spielt, entwickelte sich mein Nebenfach zur wegweisenden Erfahrung.

In SKA begegnete ich erstmals dem Konzept, dass Gender weit mehr umfasst als Mann/Frau/Inter, dass Sexualität dynamisch ist und dass alles, was uns als dual, also Binarität verkauft wird, eigentlich ein Spektrum ist. So weltoffen und tolerant ich mich auch sah, ich merkte: “Holla, da gibt’s noch viel mehr.”

Insbesondere ein Seminar zum Thema ‘Gender & Diversity’ würde meine Sicht auf die Welt grundlegend verändern.

Anfang 2015, zweite Hälfte des Wintersemesters. Meine Kommilliton*innen und ich diskutieren in kleineren Gruppen zum Thema “Alltagsrassismus”. In meiner Gruppe war neben mir noch zwei weiße, männliche Studierende und eine Kursteilnehmerin mit Migrationshintergrund. Als es um die Änderung von rassistischen Bezeichnungen und Ausdrücken in älteren Büchern ging, eskalierte die Debatte ohne dass ich es merkte.

Wir waren uns alle einig, dass es besser ist, Kinderbücher zu bereinigen oder mindestens zu annotieren (was ich noch immer für richtig halte). Ob wir allerdings immer etwas sagen sollen, wenn ein Mitmensch rassistische Begriffe benutzt, war weniger eindeutig.

Einer der weißen Studenten erzählte von seiner Oma, die sich trotz vermehrter Erklärungsversuche, warum “Neger” und ähnliche Slurs verletzend sind, an ihre Ausdrucksweisen klammerte. Inzwischen spare er sich die Zeit, sagte er, was eine Debatte auslöste, vor allem zwischen ihm und mir. An sich waren wir einer Meinung, doch schwebten wir beide wohl high auf der “Schaut mal wie empathisch wir sind” Wolke und merkten nicht, wie wenig konstruktiv unser Gespräch war.

Zudem sprachen wir die ganze Zeit das N-Wort aus, obwohl unsere Kommilitonin das nicht wollte. Ich hatte kurz davor ein Interview mit Samuel L. Jackson gesehen, der einen weißen Journalisten dazu bringen wollte, ‘nigger’ nicht mit ‘the n-word’ zu verschleiern, da trotzdem jede*r die Lücken gedanklich auffüllen würde. Somit helfe “the n-word” lediglich Weißen, die sich als progressiv und tolerant präsentieren wollen.

Diese Performanz glaubte ich, auch bei mir erkannt zu haben, und kam mir besonders cool vor, weil ich eben nicht vor dem N-Wort ‘zurückschreckte’. Ein Schwarzer hat es ja ‘abgesegnet’, also muss es stimmen.

Dass Samuel L. Jackson nicht für alle people of color sprechen kann, war mir damals nicht so ganz klar. Die Kommilitonin war schließlich so aufgewühlt, dass sie den Raum verließ – für den Studenten und mich ein Schock. Aber wir haben es doch nicht verletzend gemeint!

An diesem Tag erkannte ich erstmals, dass sich um die Absicht keine*r schert außer uns selbst. Entscheidend ist, wie es beim Gegenüber ankommt.

Für die Kommilitonin war es verletzend, Punkt.

Mehr noch: Wir stellten unsere Meinungen und Ansichten über ihr Wohlbefinden, hörten ihr nicht zu und verletzten sie dadurch umso tiefer.

In der nächsten Stunde entschuldigen wir uns beide. Sie nahm es an, interagierte aber nie mehr mit uns.

Gut so. Hätte ich an ihrer Stelle auch nicht getan.

 

Wie bin ich nicht rassistisch?

Mich rüttelte das Erlebnis wach. Ich erkannte, dass ich nicht ‘perfekt’ bin. Ich bin in einem rassistischen System aufgewachsen, in einem Deutschland in dem Hautfarben-Pflaster weiß sind, in dem Vorurteile den Blick auf die ‘anderen’ verzerren.

“Und wie bin ich dann nicht rassistisch?” fragte ich in der letzten Sitzung verzweifelt die Dozentin.

“Gar nicht”, sagte sie.

Ihren genauen Wortlaut kann ich nicht mehr wiedergeben, doch der Sinn ist mir noch immer im Gedächtnis: Wir können unsere Sozialisation, wie und wo wir aufwuchsen, nicht mehr rückgängig machen. Wir können uns lediglich dessen bewusst sein, und ständig hinterfragen und reflektieren, ob unsere Handlungen und Worte das rassistische System weiterführen.

Systeme erhalten sich nicht von allein aufrecht – selbst unser Nichtstun, unser Schweigen lässt es weiter laufen.

Es ist also unmöglich, “nicht rassistisch” zu sein. Wir müssen explizit “anti-rassistisch” sein.

Seit diesem Tag erwische ich mich öfter dabei, wie tief verankerte Denkmuster ihre Fratzen zeigen. In der Annahme, dass eine Kommilitonin ihr Kopftuch aus Zwang trägt, nicht aus Überzeugung. In der Überraschung, wenn ich erstmals einen schwarzen Kabarettisten im bayerischen Dialekt reden höre. In dem Gedanken, mir Dreadlocks zu machen, weil es stylisch ist.

Diese Gedanken kann ich nicht rückgängig machen.

Ich kann mir nur bewusst werden, wieso sie rassistisch geprägt sind und aktiv dagegen arbeiten.

Mit der Kommilitonin reden und herausfinden, dass sie freiwillig Hijab trägt. Mir sagen, “Klar spricht er Bayerisch, er ist ja hier geboren und aufgewachsen.” Mich zu informieren, was “cultural appropriation” ist und feststellen, dass Dreadlock teil der Afro-Haar-Kultur sind und kein schmückendes Accessoire meiner Weltoffenheit.

Klar ist das nicht einfach. Klar werde ich Fehler machen. Klar wird es Tage oder Wochen geben, wenn ich nicht laut und aktiv sein kann, weil mich anderes vereinnahmt. Du legst nicht einfach einen Schalter um, und dann – juhu, bist du Anti-Rassist! Du musst dran arbeiten, dich informieren, anderen zuhören, reflektieren, deine eigenen Fehler erkennen und gleichzeitig Mitgefühl mit dir selbst zeigen.

Anti-Rassismus, so habe ich erkannt, ist ein lebenslanger Lernprozess.

Anti-Rassismus ist die einzige Option für mich.

*

Das war Teil Eins meines Versuchs, meine Erfahrungen in der Anti-Rassismus-Arbeit als weiße trans*Person mit anderen zu teilen.

Teil Zwei: “Kritisches Weißsein und ich”.

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