Allyship – Wie helfe ich als weiße Person im Kampf gegen Rassismus?

Teil der Essay-Reihe zum Thema “Mein Weg zum Anti-Rassismus” | (Teil Eins) | (Teil Zwei)

Wie helfe ich als weiße Person im Kampf gegen Rassismus?

Dank der aktuellen Debatte werden sich immer mehr bewusst: Alle weißen Menschen sind rassistisch. Wir wachsen in einem System auf, das uns mal mehr, mal weniger subtil lehrt, Weißsein als Standard zu betrachten.

Egal, welsche Schwierigkeiten ich als weiße Person erfahre, ich werde in Deutschland nie aufgrund meiner Hautfarbe benachteiligt. Nun liegt es also an mir, aktiv anti-rassistisch zu handeln. Ich kann nichts dafür, weiß zu sein – doch ich kann etwas tun, um die Strukturen zu ändern, in denen wir alle leben. Ally sein ist eine Entscheidung. Und eine Praxis.

Performative Allyship

Ein Ally bzw. ‘Allies’ sind Verbündete aus einer nicht benachteiligten Gruppe, die ihre Vorteile dafür nutzen, um die Belange der marginalisierten Gruppe voranzubringen. Sie geben das Mikrophon weiter, tun aktiv etwas, um die Ungleichheiten in der Gesellschaft zu reduzieren.

Allyship bedeutet aber nicht, lediglich Solidarität auszudrücken, wenn es gerade alle tun.

Performatives Allyship ist leere Unterstützung. Dabei geht es den Menschen um ihre Selbstdarstellung, nicht darum, für Gerechtigkeit zu sorgen. Denn wo waren die schwarzen Quadrate in all den Jahren zuvor? Rassismus lässt sich nicht durch ein paar Klicks beseitigen. Oder durch tränenreiche schwarz-weiß Videos, in denen sich Stars öffentlich an den Pranger stellen.

Es geht nicht um deine Schuldgefühle. Klar hast du sie… aber sie brauchen nicht im Zentrum stehen. Das ist ebenso schädlich wie weißes Schweigen. Anti-Rassismus-Arbeit ist eben Arbeit.

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Allyship DON’Ts

Welche Impulse von weißen, vermeintlichen Aktivist*innen, sind nun nicht zielführend? Hier ein kurzer Überblick der DON’Ts, auf die ich innerhalb der letzten Wochen aufmerksam wurde:

Bekundungen von Wut und Entsetzen
Es bringt wenig, zu sagen, wie wütend du über die Missstände bist, die zur Debatte stehen. Unsere weiße Wut nützt nichts, außer dass wir zeigen, wie privilegiert wir sind, da für uns der Ausmaß des Rassismus in der Gesellschaft noch immer überraschend ist.

Zu sagen, “Nicht alle Weißen”
Denn doch, alle weißen Menschen sind rassistisch. Auch, wenn sie es nicht sein wollen. Für mich war das schwer zu akzeptieren, doch wenn du dich lange genug mit Anti-Rassismus-Arbeit beschäftigst, wirst auch du zu diesem Schluss kommen.

Zu sagen, “All Lives Matter”
Natürlich sind alle Leben auf der Welt wichtig. Doch werden nicht alle gleich behandelt. Deshalb stehen Black Lives aktuell im Fokus.

Öffentliche Entschuldigungen
Letzte Woche gab es eine Reihe weißer Berühmtheiten, die Entschuldigungs-Videos posteten. Dabei werden lediglich weiße Schuldgefühle ins Zentrum gerückt, nicht aber das eigentliche Problem. Bloggerin Zinne Ukoha fordert stattdessen, dass sich weiße Stars eingestehen, wie sie in ihrer Karriere von systematischem Rassismus profitierten, und dadurch schwarze Kolleg*innen den Kürzeren zogen. Dies ist nicht als persönlicher Vorwurf gemeint, sondern als Hinweis auf das rassistische System, das weiße Kreative bevorzugt.

Von BIPOC einfordern, uns aufzuklären
BIPOC steht für “black, indigenous and people of color”, also für schwarze und indigene Menschen sowie Menschen anderer Hautfarben. Erwarte nicht von BIPOC Menschen in deinem Umfeld, dich aufzuklären oder über ihre Erfahrungen mit Rassismus sprechen zu wollen. Diskriminierung verletzt, und nicht jede*r kann oder möchte diese Erlebnisse im Gespräch mit anderen reproduzieren. Zudem ist es sehr arrogant und unbedacht, von marginalisierten Gruppen zu fordern, ihre Zeit und Energie aufzuwenden, um die nicht unterdrückten Weißen aufzuklären. Rassismus ist ein weißes Problem. Suche Ressourcen, die dir öffentlich zugänglich sind. Das ist deine Aufgabe, nicht die von BIPOC. Ihr Schmerz ist nicht unser Klassenzimmer.

Anderen Weißen Vorwürfe machen
Als ich endlich erkannte, wie tief Rassismus noch immer verankert ist in unserer Gesellschaft, war ich versucht, allen anderen Vorwürfe zu machen, die noch nicht soweit waren in dem Prozess wie ich. Dabei hatte es doch lange gedauert, bis ich von “Ich bin nicht rassistisch” zu “ich bin anti-rassistisch” kam. Anstatt uns gegenseitig niederzumachen, lasst uns einander aufklären. Verurteile nicht die weißen Menschen, die gerade erst am Anfang ihrer Anti-Rassismus-Arbeit stehen. Auch du und ich waren mal an dem Punkt. Empathie und Geduld sind der Schlüssel.

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ALLYSHIP DOs

Das bringt uns schon zu konkreten Schritten, die uns zu wirklichen Verbündeten machen können.

Schritt Eins: Bilde dich weiter.
Informiere dich zum Thema Rassismus, Alltagsrassismus und der Lebensrealität von schwarzen Menschen und POC in Deutschland und deiner Gegend. Viele Aspekte des Lebens haben rassistische Wurzeln, wie der BMI oder generell die Wellness-Industrie. Ohne aktive Weiterbildung meinerseits wäre mir das bis heute noch nicht bewusst.
Diese Beiträge des ZDF fand ich persönlich super (link1, link2, link3). Darin wird auch Daniel Gyamerah des Vereins Each One Teach One e.V. interviewt. Es gibt zudem eine neue Doku von Marius Jung: “Rassismus – Die Geschichte eines Wahns“.

Schritt zwei: Suche andere Perspektiven. HÖRE ZU.
Mir persönlich half es sehr, meinen Social Media Feed zu diversifizieren. Folge schwarzen Aktivist*innen, Blogger*innen anderer Hautfarben und kulturellen Hintergründen. Das brauchen keine politischen Accounts sein – wo auch immer deine Interessen liegen, gibt es eine ganze Bandbreite anderer Erfahrungen in dieser Welt, die deinen Horizont erweitern. Höre zu!
Teile die Posts, hinter denen du stehst, bzw. die dir auf deinem Weg zum anti-rassistischen Ally helfen, damit deine Freund*innen auch davon lernen können.

Schritt drei: Sag was.
Eine Person in deinem Umfeld sagt etwas rassistisches oder problematisches? Sprich es an, aber nicht im Sinne einer Anklage oder Konfrontation. Frage nach, wie es genau gemeint ist. Zeige, wie es auf dich rüberkam. Sei fehlerfreundlich, dir selbst und anderen gegenüber – wir sind alles Menschen und nicht perfekt. Wenn du einmal nichts sagen kannst oder nicht in der Lage bist, dann ist das natürlich legitim… aber eine Entscheidung. Übernehme Verantwortung dafür.

Schritt vier: Werde aktiv.
Suche gezielt nach Möglichkeiten, BIPOC zu unterstützen. Gibt es vielleicht eine Firma, die Produkte herstellt, die du brauchst oder willst, die von schwarzer Menschen geführt wird?
RESOURCES…

Schritt fünf: Spende Zeit und/oder Geld
Wenn du finanziell in der Lage bist etwas zu spenden, dann gibt es viele Organisationen, die für ihre Anti-Rassismus-Arbeit Mittel brauchen. Alternativ kannst du deine Zeit aufbringen oder deine Dienste anbieten. Falls öffentlich nichts ausgeschrieben ist, frage einfach per Mail oder telefonisch nach.

Schritt sechs: Halte dich zurück.
Du hast Geld gespendet? Oder engagierst dich für eine gemeinnützige Organisation im Kampf gegen Rassismus? Das ist super – aber kein Grund, groß in der Öffentlichkeit auf deine Großzügigkeit aufmerksam zu machen. Das macht einen wirklichen Ally aus. Es geht um den langwierigen Kampf für eine gerechtere Welt, nicht darum, wie “woke” und “liberal” du bist. Wenn es dir darum geht, öffentlich gut dazustehen, verstehst du das Problem noch nicht. Also zurück zu Schritt eins!

Schritt sieben: Bleibe wachsam, auch dir selbst gegenüber.
Auch ich stolpere immer wieder über rassistische Mikroaggressionen, also kleine Handlungen oder Äußerungen, welche subtil diskriminieren. Die Straßenseite zu wechseln, wenn dir ein BIPOC entgegen kommt, ist eine Mikroaggression. Zu kontrollieren, ob dein Portmonee noch da ist, nachdem du Kontakt mit BIPOC hattest, ist rassistisch.
Festzustellen, “Oh, die Person klang am Telefon gar nicht schwarz”, ob es nun laut ausgesprochen oder lediglich gedacht wird, zeigt rassistische Gedankenmuster. Dass jemand ‘schwarz’ klingt, impliziert, dass es eine homogene Art gibt, wie BIPOC reden. Ebenso wie nicht alle weißen Menschen gleich klingen, decken auch BIPOC alle Variationen ab. Und nein, das Gleichstellungsprogramm hat der schwarzen Person nicht zu ihrem Job verholfen, sondern deren harte Arbeit und gute Leistungen.
Statements wie “Wir sind doch alle gleich” ist ebenfalls eine Mikroaggression. Wir haben alle den gleichen Wert, doch sind wir in unseren Systemen eben nicht alle gleich. Das zu behaupten, radiert die Erfahrungen und die Lebensrealität von BIPOC aus. Das ist respektlos und ignorant.

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