Kritisches Weißsein und ich

Mein Weg zum Anti-Rassismus

(Teil Zwei) – (zurück zu Teil Eins)

Alle weißen Personen sind rassistisch.

Wenn dich diese Aussage zum Aufschreien und Protestieren bringt, dann kann ich das nachvollziehen. War auch meine erste Reaktion. Inzwischen muss ich dem Satz leider zustimmen, so weh es auch tut, und die Folgen daraus ziehen: anti-rassistisch zu sein bedeutet aktives Handeln.

Dahin zu kommen war für mich ein langwieriger Prozess, der nicht ohne Fehler ablief. Den ersten Schritt machte ich in einem Seminar, das mich mit der harten Wahrheit konfrontierte, die hinter dieser Behauptung steckt (siehe Teil Eins).

Natürlich ist das Konzept von ‘menschlichen Rassen’ inzwischen absolut widerlegt. Doch die Auswirkungen der Zeit, in der weiße Siedler*innen versuchten, ihren Kolonialismus durch biologische Hierarchien zu rechtfertigen, in dem sie darstellten, wie ‘minderwertig’ Menschen anderer Hautfarben sind, existieren bis heute.

Ich bin in einem System groß geworden, in dem ich mir nie über Rassismus Gedanken machen musste, wenn ich nicht wollte. Ich lernte, dass Rassismus eine bewusste Handlung ist und es somit “gute” und “böse/rassistische” Weiße gibt. Ich lernte mich als Individuum zu sehen, nicht als Teil einer größeren Gemeinschaft, die in einem geschichtlichen Kontext verankert ist. Rassismus wurde als Problem der POC, people of color, konstruiert… doch in Wahrheit sind wir Weißen noch viel mehr impliziert.

Wir profitieren von den Strukturen, die der Rassismus der Kolonialzeit geschaffen hat (dazu gibt es übrigens ganze Wissenschaftszweige, z.B. Postcolonial Studies). Wir können so tun, als wäre Rassismus ein Relikt der Vergangenheit, das nicht mehr existiert – oder nur in Amerika ein Problem ist.

Doch für Menschen anderer Hautfarbe ist das unmöglich. Sie erleben täglich, wie weiß-dominiert unser System ist, sind ständig der*die Andere.

“Aber ich kann nichts dafür, dass ich Weiß bin!” – Wortlaut meinerseits, als ich damit konfrontiert wurde, und klassisches Beispiel dessen, was als ‘white fragility’ bezeichnet wird.

Klar kann ich nichts dafür. Ich kann ebenso nichts dafür, dass ich im ländlichen Raum geboren bin, dass meine Familie nie wirkliche Armut erleben musste, oder dass meine Geschlechtsidentität nicht der entspricht, die mir bei Geburt zugewiesen wurde.

 

“Weißes Privileg? Ich hab’s aber schwer im Leben!”

Ebenfalls Wortlaut meinerseits. Ich leide doch auch. Ich muss verdammt hart arbeiten, um das zu bekommen, was ich will.

Das alles wird aber nicht verleugnet, wenn ich mir meiner weißen Privilegien, meines ‘white privilege’ bewusst werde. Wenn ich es schon schwer habe, beruflich Fuß zu fassen… wie schwer muss es dann für POC sein, die auch noch mit unterschwelligem Rassismus und systemischer Benachteiligung zu tun haben? Vieles, was ich als gegeben hinnehme, z.B. dass Menschen mir neutral begegnen und nicht mit Misstrauen, steht POC nicht zur Verfügung.

‘White privilege’ bezieht sich eben nur auf einen Aspekt meines Lebens: die Hautfarbe. Nicht mehr, nicht weniger. Es ist keine allumfassende Aussage über mein Schicksal. In anderer Hinsicht bin ich benachteiligt, aber nicht im Bezug auf meine Hautfarbe. Unsere Identität als Mensch hat eben viele Facetten – Intesektionalität wird das auch genannt.

Okay, lasst es mich bis dahin mal zusammenfassen:

  • Alle weißen Menschen tragen Rassismus in sich, weil sie in einem rassistischen System aufgewachsen sind.
  • Weiße Menschen haben das Privileg, sich aus Rassismus-Debatten rauszunehmen. Ihnen schadet es ja nicht, bzw. sie betrifft es nicht direkt.
  • Dieses Schweigen und die Hinnahme hilft allerdings, das System aufrecht zu erhalten. Demnach kann ich nicht einfach “nicht rassistisch” sein, sondern muss explizit “anti-rassistisch” sein.

 

Anti-Rassismus durch Kritisches Weißsein

Nach meiner Erkenntnis wollte ich sofort wissen, wie ich es nun “richtig mache”. Wie bin ich der perfekte Ally? Ich wollte einfache Lösungen, die ich abarbeiten kann um dann am Ende sagen zu können: Schaut, ich habe meinen Teil getan.

Dieser Wunsch nach einem “Rezeptwissen” für die eine, richtige Verhaltensweise ist oft zu beobachten, haben Forschende zu Anti-Rassismus festgestellt.

Leider muss ich uns hier alle enttäuschen: So etwas gibt es nicht.

Weiße Rassismuskritik und Anti-Rassismus-Arbeit ist eine kontinuierliche Praxis, die nie aufhört. Auch, wenn wir uns unseres Weißseins bewusst werden verschwindet es nicht einfach. Egal, wie viel wir lesen und reflektieren, wir werden nie “alles” zum Thema wissen. Sich dieses Nichtwissen einzugestehen und die persönliche Verunsicherung hinzunehmen ist schwer, aber nötig.

Ich war nach meiner Epiphanie fest überzeugt, dass ich nun wüsste, wie ich anti-rassistisch bin. In allen Lebenslagen, zu jeder Zeit. Dass ich meinen Alltagsrassismus sofort erkennen würde. Dass ich nichts mehr dazulernen kann – denn ich hab es doch kapiert, oder?

In der Theorie? Ja. Aber Anti-Rassismus ist eben eine Praxis.

Meine Sicht auf die Welt ist eine Weiße. Punkt. Die Vielfalt der menschlichen Erfahrungen ist so groß, dass ich sie niemals komplett erfassen kann. Jeder Mensch hat eigene Erfahrungen und ich kann diese nur durch Zuhören und Nachfragen genauer kennenlernen.

Das ist der Kern der Sache: das Verlangen nach der einen, richtigen Lösung ist Zeichen meiner weißen Arroganz. Ich als weiße Person vermag es doch sicher, Rassismus zu lösen, oder? Ich kann Retter*in sein!

NOPE.

Es geht hier nicht um mich und mein Wohlbefinden, um mein Ego. Es geht darum, eine Welt zu kreieren, in der jede Person gleichberechtigt leben kann. Dafür ist es nötig, als Einzelperson etwas Diskomfort in Kauf zu nehmen. Mir klar zu werden, in welchen rassistischen Strukturen ich aufgewachsen bin. Dass meine Erfahrungen und Perspektiven begrenzt sind. Dass auch meine beste Intention in Handlungen resultieren kann, die andere verletzen.

Und vor allem: dass Wegsehen oder Nichts-tun das System weiter aufrechterhält.

Was ist also die anti-rassistische Alternative für weiße Menschen? Kritisches Weißsein.

 

Wie bin ich kritisch weiß?

Die Proteste, die der Mord von George Floyd in den US auslösten, haben mir bewusst gemacht, wie sehr ich meinen Aktivismus schleifen ließ.

Und das ist okay – nicht immer hat mensch die Möglichkeit, sich mit emotional anstrengenden Themen zu beschäftigen. Manchmal sind andere anstrengende Themen wichtiger im Leben als gesellschaftlicher Aktivismus.

Ich versuche, mir gegenüber Mitgefühl zu zeigen. Ich bin nicht perfekt. Ich wäre gerne ein Mensch, der ständig politisch aktiv ist und für positive Veränderung kämpft… aber das ist utopisch.

Allerdings gibt es einen Unterschied zwischen “Ich deale gerade mit schweren psychischen Problemen”, bzw. “Ich stecke gerade mitten im Prüfungsstress, gib mir ne Woche” und der privilegierten Position “Ja, da mache ich bald wieder was dazu wenn ich weniger busy bin”, die ich am Laufen hatte.

Somit ist diese Blog-Serie wohl auch mein erster Schritt, hier wieder aktiver zu werden. Ich will mich nicht rausreden. Mein Impuls, aufzuzeigen wie ich doch immer auf Alltagsrassismus aufmerksam mache, wenn er mir begegnet, ist lediglich ein Zeichen meiner “white fragility”. Meiner weißen Unsicherheit. Meiner Verwundbarkeit.

Anstatt meine Zeit nun damit zu verschwenden, mich selbst zu geiseln, werde ich mich lieber darauf konzentrieren, wie ich es in Zukunft besser machen kann.

Also, was sind konkrete Strategien zur Praxis des kritischen Weißseins? Hier einige Denkanstöße, zusammengetragen aus Jule Bonköst und Dr. Robin DiAngelo:

  1. Habe die Absicht, Veränderungen zu begünstigen. Vorraussetzungen dafür sind es, sich mit dem eigenen Weißsein zu beschäftigen und auseinanderzusetzen, und dadurch das eigene Bewusstsein zu schärfen, wie Rassismus und rassistische Machtstrukturen funktionieren.
  2. Höre POC und schwarzen Menschen zu. So wirst du zudem authentische Erfahrungen hören und ihre Realität besser verstehen. Dabei ist es nicht Aufgabe von POC, dich weiterzubilden.
  3. Nutze deine eigenen, weißen Privilegien um ihnen Gehör zu verschaffen (#AmplifyMelanatedVoices). Setze deine Macht ein, um marginalisierten Perspektiven Raum und Gehör zu verschaffen. Teile Ressourcen oder gebe sie ab.
  4. Unterstütze die (Selbst-)Ermächtigung von POC und schwarzen Menschen.
  5. Akzeptiere, dass Anti-Rassismus-Arbeit für dich unbequem sein wird.
  6. Sei offen und bereit, deine eigene Sicherheit bzw. dein eigenes Wohlbefinden aufzugeben und Veränderungen zuzulassen.
  7. Widerstehe deinem Bedürfnis nach Kontrolle aber behalte die Verantwortung für deine eigenen Handlungen.
  8. Konfrontiere aktiv deinen eigenen Rassismus, den anderer weißer Menschen und den Rassismus, der in den systematischen Strukturen und Institutionen verwurzelt ist.

 

Kritisches Weißsein in der Praxis

Okay, das war nun alles sehr theoretisch… Wie kann ich das nun in die Praxis umsetzen?

Bilde dich weiter.
Suche nach Empfehlungen oder frage andere weiße Menschen, von denen du weißt, dass sie sich schon länger mit dem Thema auseinandersetzen. Einen ersten Ansatzpunkt findest du in den Quellen zu diesem Artikel.

Suche aktiv andere Perspektiven.
Schaue dir Videos von POC an, lese ihre Posts, folge ihnen auf Twitter und Instagram. Nicht alle POC in deinem Bekanntenkreis werden mit dir über ihre Rassismuserfahrungen reden wollen – und das ist ihr Recht. Sie schulden dir keine Zeit. Du hast Zugang zu genug Infos und Perspektiven online, also nutze sie.

Teile Beiträge von POC in deinen soziale Medien.
Nicht alle von uns haben tausende Follower. Bei mir würde es nichts bringen, wenn ich meinen Instagram-Account einer*einem blogger of color übergebe. Aber ich kann teilen und so meine weißen Bekannten anderen Perspektiven und Lebensrealitäten aussetzen.

Mache auf rassistische und problematische Äußerungen aufmerksam.
Hier bin ich selbst noch viel zu zögerlich. Ich befürchte immer, dass ich nicht genug “Beweise” oder Argumente habe, dass ich das Gegenüber verletze oder meine Zeit verschwende, weil es “eh nichts bringt”. Klar ist nicht jedes Schweigen gleich schädlich… doch wenn es zum ersten Impuls wird, dann ist es ein Problem. Wenn das Gegenüber auf dein “Das ist aber echt rassistisch” mit “Ne, finde ich nicht” reagiert, kannst du z.B. nachfragen, “Warum nicht?” Es gibt hier kein Patentrezept. Du kennst die Leute hoffentlich gut genug, um einzuschätzen, welche Kommunikationsstrategie am besten ist. Und wann es Zeit ist, aufzuhören, weil es tatsächlich nicht konstruktiv ist.

Suche gezielt nach Möglichkeiten, POC zu unterstützen.
Wenn du was bestimmtes kaufen möchtest, schau doch mal ob es auch Geschäfte gibt, die von POC geführt werden, die du mit deinem Kauf unterstützen kannst. Spenden an gemeinnützige Organisationen sind natürlich auch super, sollten aber nicht das Einzige sein, was du tust.

Lerne, mit Diskomfort umzugehen.
Anti-Rassismus-Arbeit wird für dich unbequem sein. Du wirst dich unsicher fühlen und wohl auch überfordert. Das auszuhalten bedarf Übung. Mir hilft in solchen Moment, mich daran zu erinnern, dass es eine natürliche Reaktion ist. Hier war DiAngelos “White Fragility” für mich wegweisend.

Erkenne deine eigenen rassistischen Gedanken und Impulse.
Ich habe sie immer noch, trotz jahrelanger Übung im Anti-Rassismus. Es wird aber einfacher festzustellen wenn etwas, das ich denke, rassistisch unterwandert ist. Wichtig hierbei: Du bist nicht deine Gedanken. Deine Gedanken entstammen dir, deiner Geschichte, deinen Erfahrungen, deiner Umwelt.
Wenn ich z.B. Statistiken zu Kriminalität lese und sehe, dass vor allem POC in Gefängnissen sitzen, ist mein erster Impuls: ‘Klar, die sind eben krimineller.’ Das wurde mir, als weiße Person, beigebracht zu denken. Dabei blende ich aber die systemischen Realitäten aus, die zur höheren Inkarzeration von POC führen. POC sind nicht krimineller, sie werden vom System überproportional ins Visier genommen. Dazu gibt es unzählige Studien und Belege, für alle, die das nicht glauben wollen.

Übernehme Verantwortung.
Wie oben gesagt, du bist nicht deine Gedanken. Welche Handlungen daraus hervorgehen, das liegt aber an dir. Siehst du weg, wenn ein Polizist aus deiner Gruppe genau die eine Person mit Migrationshintergrund kontrolliert? Sagst du ‘hübsch’ zu den Dreads deiner weißen Freund*innen, ohne zu fragen, was sie zum kulturellen Hintergrund der Haartracht wissen?

Sei fehlerfreundlich.
In unsere “politisch korrekten” Kultur fällt das leider oft unter den Tisch: Menschen machen Fehler. Ob aus Ignoranz, Unwissen oder Boshaftigkeit sei dahingestellt, aber wir alle werden früher oder später ins Fettnäpfchen treten. Unsere Absicht ist egal – verletzt es dein Gegenüber, dann ist es verletzend. Punkt. Lerne daraus. Mach dir selbst und anderen keinen Vorwurf, nicht immer alles 100% richtig zu machen. Das wirst du nie schaffen.

Du kannst aber immer dein Bestes geben.

*

Das war Teil Zwei meines Versuchs, meine Erfahrungen in der Anti-Rassismus-Arbeit als weiße trans*Person mit anderen zu teilen.

Teil Drei folgt in Kürze.

(zurück zu Teil Eins)

*

Hauptquellen

Arndt, Susan (2009): ‘Rassen’ gibt es nicht, wohl aber die symbolische Ordnung von Rasse. Der ‘Racial Turn’ als Gegennarrativ zur Verleugnung und Hierarchisierung von Rassismus. In: Eggers et al. (Hg.) (2009): Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland. Unrast, Münster S. 340-362.

Bönkost, Jule (2016): „Rassismuskritik aus weißer Perspektive: Praxis plus Reflexion.“
In: Detzner, Milena; Drücker, Ansgar und Sebastian Seng (Hrsg.) im Auftrag des Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit e. V. (2016): Rassismuskritik. Düsseldorf: Düssel-Druck & Verlag, 95-99.

Di Angelo, Robin (2015): White Fragility: Why It’s So Hard to Talk to White People About Racism. In The Good Men Project. URL: https://goodmenproject.com/featured-content/white-fragility-why-its-so-hard-to-talk-to-white-people-about-racism-twlm/ .

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